Viola Relle & Raphael Weilguni, mit Menschen leben
25. März 2019

JAPANESE FOLK TEXTILES
Materials, Form, Function

late 19th - early 20th century

in collaboration with
Stephen Szczepanek, Sri, New York

June 7th–July 27th 2019

JAPANESE FOLK TEXTILES:
Materials, Form, Function

Die Textilien des vorindustriellen Japan sind Wunderwerke ästhetischer Erfindungsgabe. Sie zeugen von ästhetischem Gespür ebenso wie von Sinn für Nützlichkeit: Ihre oft einfach gehaltene Form ist funktional und durch das Material geprägt, aus dem sie gefertigt wurden.

Diese Ausstellung zeigt eine Auswahl von Textilien und Objekten, die zwischen der Mitte des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen Japans entstanden.

Für jedes der Exponate wurden Materialien, die im alten Japan gebräuchlich waren, auf raffinierte Weise verarbeitet oder wiederverwertet. Hanf, Baumwolle, Papier, Bananenfasern und Leder wurden so zu Gewändern und Alltagsgegenständen, die auf das moderne Auge in einem beinah unheimlichen Maße ansprechend wirken. Alle ausgestellten Artefakte wurden in Handarbeit für den alltäglichen Gebrauch hergestellt.

Die Boro-Textilien, die sich zunehmender Bekanntheit erfreuen, sind aus Baumwollstoff-Resten gefertigt, die in verschiedenen Schattierungen mit Indigoblau gefärbt und anschließend zusammengeflickt wurden, sodass einheitlich wirkende Kimono oder Bettdecken entstanden.

Okuso, ein faseriges Material, das bei der mühsamen Arbeit des Flechtens von Hanfschnur abfällt, wurde für grob gesponnenes Garn verwertet. Anschließend wurde dieses zu einem rauen Stoff verwoben, aus dem die einfache, robuste Arbeitskleidung Okusozakkuri hergestellt wurde.

Papier aus handgeschriebenen Rechnungsbüchern wurde verschiedenen neuen Zwecken zugeführt. Wie eine formalistische Collagearbeit mutet zum Beispiel das Kimono-Einschlagpapier (Tatōshi) an, das aus solchen Blättern schichtweise zusammengeklebt wurde: Da der Vorgang auf einem Zufallsprinzip beruhte, sind die Ergebnisse ungeplant und überraschend. So auch die Näharbeit eines Mädchens, das zur Übung ein Männerhemd aus alten Seiten eines Kassenbuches zusammenflickte. Das Ergebnis ähnelt einem dadaistischen Objekt: ein dekontextualisierter, „unbrauchbarer Gebrauchsgegenstand“.

Ein Bashōfu-Kimono aus Okinawa ist aus den Fasern der Bananenpflanze gewebt, die in dieser subtropischen Region heimisch ist. Bashōfu ist fein gewebt, strapazierfähig und leicht, und obwohl er schlicht anmuten mag, ist der zart nuancierte Stoff eines der Glanzstücke der Ryukyu-Kultur und wird sowohl in Japan als auch im Ausland hoch geschätzt.

Die auf Hokkaido heimischen Ainu nahmen Baumwollstoff, den sie über Handel mit den auf der Hauptinsel Honshu lebenden Japaner*innen erwarben, in kunstfertiger Weise in ihre eigene Kultur auf, in der es nicht üblich war, Baumwolle anzubauen und zu verarbeiten. Für ein opulent ausgeführtes Exemplar eines Kaparamip wurde der so übernommene Stoff zur Gestaltung eines Gewandes benutzt, das mit beinah psychedelischen, symmetrisch gemusterten Applikationen und Stickereien versehen ist.

Das einzige Exponat, das nicht zu allen Teilen aus Japan stammt, ist nichtsdestotrotz tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Es handelt sich um einen Kawabaori, eine Art Obergewand der späten Edo-Zeit, gefertigt aus indischem Hirschleder. Das zweifarbige Muster aus Karos und Streifen wurde mittels Schablonen und Rauch auf das Leder aufgebracht. Für den helleren Ton wurden Kiefernnadeln verbrannt, für den dunkleren Ton eine Kombination aus Kiefernnadeln und Reisstroh. Dieser Kawabaori soll einem bekannten Handwerker gehört haben, dessen Status offenbar hoch genug war, um sich dieses stattliche, prächtige Gewand leisten zu können, das zu dieser Zeit ein Luxusgegenstand war.

Stephen Szczepanek, Sri, New York, Mai 2019




JAPANESE FOLK TEXTILES:
Materials, Form, Function

The visually rich folk textiles of pre-industrialized Japan are marvels of aesthetic invention and utilitarian intention: their often simply crafted forms are driven by their intended use and are shaped by the raw materials used to make them.

This exhibition hosts a collection of folk textiles and objects from far-flung regions of Japan dating to the mid 19th through the early 20th centuries. Each displays an ingenious use or re-use of materials commonly found in old Japan: hemp, cotton, paper, banana fiber and leather are transformed into garments and everyday objects which are strikingly--and often uncannily--appealing the modern eye.

All the artworks in this exhibition were hand made for use in daily life.

The increasingly well-known boron textiles were fashioned from scraps of cotton cloth dyed in gradient tones of indigo blue that have been aggregated and stitched together to create a cohesive whole kimono or futon cover.

Okuso or the fibrous waste material generated from the laborious process of hand-plying hemp threads was transformed into coarsely spun yarn. This was then woven into rough-textured cloth to make simply structured, durable work garments called okusozakkuri.

Paper culled from hand written ledger books was re-purposed in different ways. Layered and laminated kimono wrapping papers or tatoushi appear to be a formalist collage artwork: because re-purposing was randomly done the results are unplanned and surprising. A girl’s sewing practice in the form of a man’s shirt which was hand stitched from discarded accounting book pages, the result being something close to a Dada object: a decontextualized “unusable usable” object.

A bashofu kimono from Okinawa is woven from banana plant fibers native to that sub-tropical region. Bashofu is finely plied, durable and lightweight and although it is deceptively subtle in appearance, this gracefully nuanced cloth is one of the glories of Ryukyu culture and is prized in Japan and abroad.

The Ainu of Hokkaido skillfully adapted cotton cloth traded with the Japanese of Honshu into their distinct culture where cotton was not grown or produced. An exuberantly designed and executed kaparamip uses borrowed cloth to fashion an almost psychedelic, symmetrically designed garment of applique, embroidery and couching.

Of all the pieces in this exhibition only one was not entirely born of Japanese soil but is deeply associated with Japanese culture. A late Edo period kawabaori or a leather outer coat is made of deer skin imported from India. Its design of two-toned plaid and stripes is the result of using masking stencils and smoke to transfer decoration onto the leather. Pine needles were burned for the lighter tone; a combination of pine needles and rice straw were burned to impart a darker tone. The kawabaori was said to have belonged to a lauded craftsman whose status must have been elevated enough for him to afford this grand and beautiful garment which was a luxury item in its time.

Stephen Szczepanek, Sri, New York, May 2019

 

JAPANESE FOLK TEXTILES:
Materials, Form, Function

Die Textilien des vorindustriellen Japan sind Wunderwerke ästhetischer Erfindungsgabe. Sie zeugen von ästhetischem Gespür ebenso wie von Sinn für Nützlichkeit: Ihre oft einfach gehaltene Form ist funktional und durch das Material geprägt, aus dem sie gefertigt wurden.

Diese Ausstellung zeigt eine Auswahl von Textilien und Objekten, die zwischen der Mitte des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen Japans entstanden.

Für jedes der Exponate wurden Materialien, die im alten Japan gebräuchlich waren, auf raffinierte Weise verarbeitet oder wiederverwertet. Hanf, Baumwolle, Papier, Bananenfasern und Leder wurden so zu Gewändern und Alltagsgegenständen, die auf das moderne Auge in einem beinah unheimlichen Maße ansprechend wirken. Alle ausgestellten Artefakte wurden in Handarbeit für den alltäglichen Gebrauch hergestellt.

Die Boro-Textilien, die sich zunehmender Bekanntheit erfreuen, sind aus Baumwollstoff-Resten gefertigt, die in verschiedenen Schattierungen mit Indigoblau gefärbt und anschließend zusammengeflickt wurden, sodass einheitlich wirkende Kimono oder Bettdecken entstanden.

Okuso, ein faseriges Material, das bei der mühsamen Arbeit des Flechtens von Hanfschnur abfällt, wurde für grob gesponnenes Garn verwertet. Anschließend wurde dieses zu einem rauen Stoff verwoben, aus dem die einfache, robuste Arbeitskleidung Okusozakkuri hergestellt wurde.

Papier aus handgeschriebenen Rechnungsbüchern wurde verschiedenen neuen Zwecken zugeführt. Wie eine formalistische Collagearbeit mutet zum Beispiel das Kimono-Einschlagpapier (Tatōshi) an, das aus solchen Blättern schichtweise zusammengeklebt wurde: Da der Vorgang auf einem Zufallsprinzip beruhte, sind die Ergebnisse ungeplant und überraschend. So auch die Näharbeit eines Mädchens, das zur Übung ein Männerhemd aus alten Seiten eines Kassenbuches zusammenflickte. Das Ergebnis ähnelt einem dadaistischen Objekt: ein dekontextualisierter, „unbrauchbarer Gebrauchsgegenstand“.

Ein Bashōfu-Kimono aus Okinawa ist aus den Fasern der Bananenpflanze gewebt, die in dieser subtropischen Region heimisch ist. Bashōfu ist fein gewebt, strapazierfähig und leicht, und obwohl er schlicht anmuten mag, ist der zart nuancierte Stoff eines der Glanzstücke der Ryukyu-Kultur und wird sowohl in Japan als auch im Ausland hoch geschätzt.

Die auf Hokkaido heimischen Ainu nahmen Baumwollstoff, den sie über Handel mit den auf der Hauptinsel Honshu lebenden Japaner*innen erwarben, in kunstfertiger Weise in ihre eigene Kultur auf, in der es nicht üblich war, Baumwolle anzubauen und zu verarbeiten. Für ein opulent ausgeführtes Exemplar eines Kaparamip wurde der so übernommene Stoff zur Gestaltung eines Gewandes benutzt, das mit beinah psychedelischen, symmetrisch gemusterten Applikationen und Stickereien versehen ist.

Das einzige Exponat, das nicht zu allen Teilen aus Japan stammt, ist nichtsdestotrotz tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Es handelt sich um einen Kawabaori, eine Art Obergewand der späten Edo-Zeit, gefertigt aus indischem Hirschleder. Das zweifarbige Muster aus Karos und Streifen wurde mittels Schablonen und Rauch auf das Leder aufgebracht. Für den helleren Ton wurden Kiefernnadeln verbrannt, für den dunkleren Ton eine Kombination aus Kiefernnadeln und Reisstroh. Dieser Kawabaori soll einem bekannten Handwerker gehört haben, dessen Status offenbar hoch genug war, um sich dieses stattliche, prächtige Gewand leisten zu können, das zu dieser Zeit ein Luxusgegenstand war.

Stephen Szczepanek, Sri, New York, Mai 2019




JAPANESE FOLK TEXTILES:
Materials, Form, Function

The visually rich folk textiles of pre-industrialized Japan are marvels of aesthetic invention and utilitarian intention: their often simply crafted forms are driven by their intended use and are shaped by the raw materials used to make them.

This exhibition hosts a collection of folk textiles and objects from far-flung regions of Japan dating to the mid 19th through the early 20th centuries. Each displays an ingenious use or re-use of materials commonly found in old Japan: hemp, cotton, paper, banana fiber and leather are transformed into garments and everyday objects which are strikingly--and often uncannily--appealing the modern eye.

All the artworks in this exhibition were hand made for use in daily life.

The increasingly well-known boron textiles were fashioned from scraps of cotton cloth dyed in gradient tones of indigo blue that have been aggregated and stitched together to create a cohesive whole kimono or futon cover.

Okuso or the fibrous waste material generated from the laborious process of hand-plying hemp threads was transformed into coarsely spun yarn. This was then woven into rough-textured cloth to make simply structured, durable work garments called okusozakkuri.

Paper culled from hand written ledger books was re-purposed in different ways. Layered and laminated kimono wrapping papers or tatoushi appear to be a formalist collage artwork: because re-purposing was randomly done the results are unplanned and surprising. A girl’s sewing practice in the form of a man’s shirt which was hand stitched from discarded accounting book pages, the result being something close to a Dada object: a decontextualized “unusable usable” object.

A bashofu kimono from Okinawa is woven from banana plant fibers native to that sub-tropical region. Bashofu is finely plied, durable and lightweight and although it is deceptively subtle in appearance, this gracefully nuanced cloth is one of the glories of Ryukyu culture and is prized in Japan and abroad.

The Ainu of Hokkaido skillfully adapted cotton cloth traded with the Japanese of Honshu into their distinct culture where cotton was not grown or produced. An exuberantly designed and executed kaparamip uses borrowed cloth to fashion an almost psychedelic, symmetrically designed garment of applique, embroidery and couching.

Of all the pieces in this exhibition only one was not entirely born of Japanese soil but is deeply associated with Japanese culture. A late Edo period kawabaori or a leather outer coat is made of deer skin imported from India. Its design of two-toned plaid and stripes is the result of using masking stencils and smoke to transfer decoration onto the leather. Pine needles were burned for the lighter tone; a combination of pine needles and rice straw were burned to impart a darker tone. The kawabaori was said to have belonged to a lauded craftsman whose status must have been elevated enough for him to afford this grand and beautiful garment which was a luxury item in its time.

Stephen Szczepanek, Sri, New York, May 2019