new works by #1
27. April 2021
Fire demands its Fuel
14. Juni 2021

FELIX SCHRAMM
TRISTAN WILCZEK

opening June 20th, 12–6 pm
on view until August 7th

An der Stadtmauer 6
41061 Mönchengladbach

Friday 12–6 pm and Saturday 12–4 pm
and by appointment




Kindly supported by
Stiftung Kunstfonds & Neustart Kultur





FELIX SCHRAMM
TRISTAN WILCZEK

In den jüngsten Arbeiten der Accumulations von Felix Schramm ist das Heterogene von Gefundenem und Gemachten einer deutlich reduzierteren Präsentation gewichen. In der Farbigkeit zurückgenommen, sparsam in der Wahl ihrer Mittel, wird so stattdessen der Aspekt „Raum“ – für Felix Schramm überhaupt eine zentrale Reflexionskategorie – neu perspektiviert, Strategien des Plastischen als „Besitzergreifung des Raumes, eines durch Formen begrenzten Raumes“. Wenn etwa die für Schramm so charakteristischen Rigips-Elemente hier geradezu puristisch-clean auftreten – anstatt dass sie über den gezielten Einsatz von Farbigkeit eher Richtung skulpturaler Bildlichkeit driften würden –, der Blick unverstellt freigegeben auf das Moment der Konstruktion, mal gerissene, mal gegossene Kanten, Innenleben von Aufbau und Zerfall, scheinen diese Elemente erstmal ganz nüchtern auf eine basale Funktion reduziert: Herstellung eines Raums in der Offenheit von Setzung und Auflösung. Zugleich ist es angesichts von Schramms bildhauerischem Approach kaum verwunderlich, dass diese Herstellung von Räumlichkeit mehrfach gebrochen erscheint.

Verbunden ist dies auch in den aktuellen, durchgängig als „accumulated (Tract)“ betitelten Arbeiten mit ganz unterschiedlichen Strategien des Zeigens, unterschiedlichen Registern von Präsentation und Display: Vitrinen, teils gestapelt, teils in mehrere Kompartimente unterteilt, werden zu Dingspeicher und Zeigewerkzeug, aber ebenso Register der Auflösung und Destabilisierung. Kurzerhand wird die ein oder andere liebgewonnene Doxa kunstwissenschaftlicher Lehre unterminiert, so, wenn Innen und Außen einer Vitrine verschränkt oder ein Guckkasten zum Sockel wird. Nicht zuletzt erscheint hier manche Vitrine halb verwaist, wird Display eher als Möglichkeitsraum angezeigt, wenn anstelle eines potentiellen Exponats die Flachware fotografischer Repräsentation am Rande eines Plexiglaskastens Platz genommen hat.

Verbunden ist dies aber auch damit, dass die bei den Accumulations ohnehin immer spürbare Spannung zwischen realem Raumeinbruch und der Ambivalenz der Attrappe noch verstärkt wird. Deutlich machen lässt sich dies zunächst für die eingangs erwähnten Rigips-Elemente, die zwar ganz real in den Raum hineinragen, die in ihrem Bezug auf die größeren, den White Cube förmlich aufbrechenden Rauminterventionen zugleich Modellcharakter haben und so verschiedene Räume, An- und Abwesendes miteinander verschalten. Einen weiteren Twist gewinnt diese Spannung durch die hier zum ersten Mal eingesetzten graphischen Elemente, die die Schrammsche Formensprache in reduziert-comicartiger Übersetzung zeigen. Dabei weitet sich mal der reale Raum zu einem ins Groteske überzeichneten, quasi-cineastischen Katastrophenszenario à la Postapokalypse, mal funktionieren diese Elemente eher als Setzung eines Analogons, einer sich übers Formale herstellenden Ähnlichkeitsbeziehung, die die Skulptur auf eine weitere Reflexionsachse, nennen wir sie behelfsweise die der „Repräsentation“ hin öffnet. Akkumulationen also nicht nur von Dingen, Materialien, Zeigeweisen, sondern auch von Räumen, realen und fiktiven, Mikro- und Makro-, symbolischen und ästhetischen, bei denen diese Räume auseinandergefaltet, durchmessen und neu versammelt werden.

In ganz anderer Weise ist solch eine „synthetische Räumlichkeit“ in den Arbeiten von Tristan Wilczek formuliert. Bei ihm ist die Frage des Raums zuallererst getrieben durch die Auseinandersetzung mit Verstehens- und Erkenntniszusammenhängen, die der Idee des Bildes selbst zugrunde liegen. Eine wesentliche theoretische Referenz bilden dabei Logiken des Diagrammatischen, also Bild-/Text-Verhältnisse, die über ihre räumlich-relationale Anordnung auch komplexe Sachverhalte anschaulich darstellbar machen. In den Bildräumen der zumeist großformatigen Leinwänden breiten sich so ganze Infrastrukturen aus, in denen das vermeintlich vertraut Bildhafte auf seine Tiefengrammatik hin untersucht wird. Für die Frage des Raums sind indes nicht allein diejenigen Beziehungen relevant, die den Bildraum stabilisieren, die Zeichen und Motive anordnen und verteilen – mit Bleistift eingezeichnete räumliche Strukturen, Pfeile, Substitutionsverhältnisse –, sondern ebenso Prozesse der Verschiebung und Auflösung von Formen und Bedeutungen.

Dabei ist es die Materialität des Mediums Malerei, über die ein bloß relationales Verständnis des Bildraums – die Frage, wie über Verbindungen zwischen Elementen Ordnung ins Bild gesetzt werden – geöffnet und die Möglichkeit gezielter Abweichung einer zuvor formulierten Regelhaftigkeit mobilisiert wird. Geometrisch-flächenhafte Zonen, die als Relationsgefüge zunächst Räumlichkeit herstellen, zerlaufen an anderer Stelle wieder, verflüssigen sich. Ein Farbauftrag in reliefartigem Impasto markiert eine Raumstelle, die zwar diagrammatisch eingebunden sein mag, als schier materialhafte Farbballung die vorgebliche Lesbarkeit des Formulierten aber zugleich unterläuft.

Ohnehin geht es Wilczek nicht um die nachträgliche Darstellung bereits abgeschlossener Reflexionsprozesse, so dass für die Betrachtung der easy way out vorgesehen wäre – mit einem ins Bild immer schon eingeschriebenen Ergebnis für die spätere, einsam-einseitige Entzifferungsarbeit. Statt retrospektiv Zusammenfassung von Wissenszusammenhängen zu sein, ist das Diagrammatische hier Ausgangspunkt für ein spekulatives Denken – das den Bildraum letztlich in den Raum der Betrachtung hinein ausdehnt. Denn scheinen die Arbeiten einerseits die Regeln ihrer eigenen Erzeugung zu formulieren, um so eine Vorgängigkeit von Sprach- und Wissensdispositiven zu behaupten, erscheinen sie andererseits als Ergebnisse solcher Erzeugungsregeln, insistieren mithin auf die Eigenständigkeit des ästhetischen Felds mit nur hier gültigen Regeln und Kriterien. Dies letztere, das Endemische des Bildraums (das nebenbei auch für die Frage eines „Realismus“ des Bildes alles andere als uninteressant ist), heißt hermeneutisch aber nichts anderes, als dass das, was von außen an ihn herangetragen wird, sich nicht mehr mit der inneren Anordnung seiner Teile deckt. Dies heißt aber zugleich, der Betrachtung einen gemeinsamen Raum zu öffnen, um so noch auf die Voraussetzungen zu reflektieren, die „Bild“ als „Raum“ hier zugrunde liegen. Statt einem auseinandergefalteten und akkumulierten, hier also ein verschachtelter Raum, der beständig auf sich selbst zurückfragt, als Apparatur von Erfahrung und Erkenntnis noch mit den Bedingungen kalkuliert, die Raum haben Raum, Raum haben Form werden lassen.

Sebastian Hammerschmidt